Textproben aus meinem Buch findet ihr hier:

 

(Seite 30 – 32)

 

Ich wachte langsam auf, spürte Olifs schweren Arm auf meiner Schulter. Mein Gesicht war von ihm weggedreht. Es wunderte mich, dass er mich hatte auf dem Stuhl sitzen lassen, der näher an seinem Kumpel stand. So konnte ich Juna betrachten. Wie ihm noch immer das Haar im Gesicht hing. In mir kam der Drang auf, es zur Seite zu schieben, damit ich ihn besser sehen konnte. In diesem Moment öffneten sich auch seine Augen. Wir blickten uns lange an, bis ich mich traute, etwas zu flüstern.

»Seid ihr befreundet?«

Er nickte leicht.

»Aber nicht so eng. Ich hab hier nicht viele Leute auf meiner Seite. Bin erst seit einem Monat dabei. Genau wie Olif.«

»Und, hast du einen Partner?«, brachte ich es über mich, zu fragen..

»Nein.«

»Das ist aber schade.«, sagte ich, obwohl ich es nicht so meinte, und wir lächelten uns an.

Dann aber sah Juna an mir vorbei. Er wirkte geschockt. Ich drehte meinen Kopf in Olifs Richtung. Er war aufgestanden und sah uns wütend an. Dann holte er aus. Ich hatte keine Zeit, meine Augen zu schließen, damit der Schmerz unvorbereitet kam. Diesmal schlug er einfach zu. Seine Faust traf hart meinen Oberkiefer. Ich landete auf dem Boden, als der Stuhl zur Seite rutschte. Gebrochen war nichts, wie ich vermutete, aber der Schmerz war stark. Olif beugte sich über mich und hob die Hand ein drittes Mal.

»Lass sie doch!«, rief Juna, hielt seine Hand fest.

Der eher schmächtige Juna gegen meinen brutalen Schlägerfreund? Nein, das war zu viel. Das wollte ich nicht sehen.

Tränen traten in meine Augen. Ich stand auf und rannte aus dem Raum, hinaus in den Gang. Jemand schrie hinter mir her.

»Komm zurück!«

Doch ich wollte nicht. Ich hastete Richtung Mädchentoilette. Der Boden unter mir war glatt, sodass ich beinahe hingefallen wäre. Aber es war mir egal, ich wollte nur weg. Bis ans Ende der Welt.

Im Waschraum spritzte ich Wasser in mein Gesicht und sah mich im Spiegel an. Meine Wange zierte ein großer blauer Fleck. Ich berührte ihn leicht, zuckte vor Schmerz zurück. Dann hörte ich, wie die Tür geöffnet wurde. Hastig schaute ich mich nach einem Versteck um. Doch es war nur Juna, der mir gefolgt war. Er trat neben mich. Seine Augen waren auf den Boden geheftet, als wollte er mich nicht betrachten. Das konnte ich gut nachvollziehen. Ich sah ziemlich fertig aus.

»Alles okay?«, fragte er mit seiner sanften Stimme.

Ich nickte verbittert.

»Hat dich Olif schon mal geschlagen?«

Ich schüttelte den Kopf.

»Aber er hat mich einmal vergewaltigt.«, ergänzte ich, bevor mich der Mut verließ.

Juna senkte den Kopf ein Stück weiter. Er legte den Arm vorsichtig um mich. Ich drückte mich an ihn. Mein Körper schien zu kribbeln von Kopf bis Fuß.

»Wenn ich dein Freund wäre, würde ich mich nicht an die Gesetze halten. Ich würde so etwas niemals machen.«, sagte er leise.

Ich sah uns im Spiegel an. Er war ein Stück größer als ich. Hatte die Arme von hinten um mich gelegt. Sie – Nein, er sah schön aus. Ich sah genauer hin, betrachtete seine Lippen, auf die er zartrosa Lipgloss aufgetragen hatte. Sie öffneten sich leicht.

»Nach den Regeln muss man mit seinem Partner für immer zusammen sein.«

Er ließ locker.

»Nein, bitte, lass mich nicht los!«, bat ich.

Er schüttelte den Kopf.

»Ich möchte nicht, dass Olif dir noch mehr weh tut.«

Mit diesen Worten ging Juna aus dem Raum. Ließ mich zurück in meiner Angst vor dem, was mein Partner mir noch antun könnte. Er ließ mich allein, wie auch alle anderen.

 

 

(Seite 79 – 83)

 

Er nickte, schenkte mir ein leichtes Lächeln und verschwand - ließ mich mitten im Raum stehen. Ich schlang die Arme um mich, um das kalte Gefühl in mir loszuwerden, aber es half nicht. Erst jetzt fiel mir auf, wie leer und leise sich mein Zuhause anfühlte. Ein Radio stand auf dem Küchenschrank. Ich drückte ein paar Knöpfe, bis ich Musik fand, die ich hören wollte. Nicht zu ruhig, nicht zu fröhlich. Ich wusste nicht, wer das sang, aber ich war mir sicher, dass dies ein Sender der Schatten war. Im Erdgeschoss befand sich ein Bad und oben auch. Das erinnerte mich an unsere gemeinsame Dusche am letzten Abend. Mir brach das Herz. Ich ging in das Bad auf meiner Etage, das dem von Olif sehr ähnelte. Bis hierher vernahm ich noch die Stimme aus dem Radio.

Junas Bademantel hing noch an einem Haken an der Wand. Rosa mit viel Plüsch. Ich musste lächeln. Es sah ihm ähnlich, er hatte rosa und weiß geliebt. Was sollte ich mit seinen Sachen machen? Ich drehte mir heißes Wasser auf, das bald die Wanne füllte, und stieg hinein, als gerade die Stimme einer jungen Frau aus der Küche ertönte. Ich lehnte mich an die kalte Wand und schloss die Augen, während meine Hände mir Wasser über den Körper rieben. Die Wärme würde gut tun, aber war nichts im Vergleich zu Juna, der jetzt auch hier sein könnte. Wenn Olif nicht gewesen wäre.

Ich atmete die nach Seife riechende Luft ein und beobachtete, wie dünne Dampfwolken vom Wasser aufstiegen. Mein Kopf wurde leer, im Moment war mir alles egal. Ich griff nach dem Waschlappen, betupfte meine Haut leicht. Wasserperlen entstanden, ein schöner Anblick. Von weitem hörte ich eine Männerstimme singen, die ich nicht kannte.

Irgendwie fühlte es sich an, als würde ich ein fremdes Leben führen. Warum weinte ich nicht? Warum lachte ich nicht? Gefühle, die bis vor ein paar Stunden noch alltäglich waren, spürte ich jetzt nicht mehr. Taub vor Trauer, Taub von der Ungerechtigkeit. Ich ließ ein paar Wassertropfen von meinen Fingerspitzen fallen. Es war noch früh am Abend und die blutrote Sonne der Schattenwelt erleuchtete mein Haus. Unser Haus. Was sollte ich später machen? Mit wem sollte ich reden? War ich schon bereit, allein zu meinen Freunden zu gehen?

Ich ließ mich tiefer ins Wasser sinken, bis es meinen Körper vollständig verdeckte und nur mein Kopf herausragte. In der großen Badewanne kein Problem. Das heiße Wasser half mir, aus meiner Welt zu entfliehen, auch wenn es nicht lange anhalten würde.

 

Wir standen auf dem Marktplatz, der hell erleuchtet und leer war. Alles war wunderschön, wie wir uns ansahen und liebkosten. Die lieben Worte. Einfach nur beieinander sein.

»Ich kann so nicht mehr.«, hörte ich Junas gedämpfte Stimme reden und seine Gesichtszüge waren zur Traurigkeit gewechselt.

Ich sah eine Träne in seinem linken Auge. Er schob meine Hand beiseite, verzog sein wundervolles Gesicht,  als ich sie wegwischen wollte.

»Was meinst du damit?«, erwiderte ich.

Eben war doch noch alles perfekt gewesen.

»Das mit uns, es hat keinen Sinn. Ich kann nicht mit dir zusammen sein, du gehörst zu Olif. Ich will nicht, dass du mir wehtust.«

Ein Schreck überkam mich, als ich sah, wie er sich eine Waffe an die Brust hielt, an die Stelle seines Herzens. Wo hatte er sie her?

»Was soll das? Was machst du da? Ich habe nicht vor, dir weh zu tun. Ich liebe dich!«, gab ich zurück.

Das Herz schlug mir schmerzhaft schnell. Ich ging einen Schritt auf Juna zu, versuchte, ihm die Pistole aus der Hand zu nehmen. Es gab ein kleines Handgemenge, dann löste sich ein Schuss und traf meinen geliebten Partner.

»Nein!«, schrie ich und hielt ihn fest.

Die Pistole fiel mit einem lauten Knall zu Boden, den ich trotzdem kaum hörte. Als Junas Knie nachgaben, setzte ich mich neben ihn und legte seinen Kopf in meinen Schoß. Er lächelte mich an.

»Es ist besser so.«

Die Worte kamen leise, sodass ich ihn kaum verstand. Erst, als ich die Tränen auf sein weißes Oberteil fallen sah, merkte ich, dass ich weinte. Doch, wenn ich jetzt einen Krankenwagen rief, vielleicht würde er überleben? Sein Brustkorb hob und senkte sich, er atmete noch. Die Kugel steckte sicher tief in seiner Brust. Aber wie viele Menschen hatten schon ähnliches überlebt? Ich wollte mich erheben, aber er hielt mich zurück.

»Bleib bei mir, wenn ich sterbe.«, flüsterte er.

»Ich hole Hilfe, mein Liebster!«, versprach ich ihm.

Er hustete Blut.

»Es ist zu spät.«

Ich wollte ihm nicht glauben. Wenn der Rettungswagen gleich kommen würde, könnte man ihm helfen. Dessen war ich mir sicher. Verdammt, immerhin war gleich neben mir ein Münztelefon! Noch einmal versuchte ich aufzustehen. Diesmal gab er keinen Widerstand. Aus seinem Mund lief ein Rinnsal roten Blutes und er blinzelte nicht mehr.

»Halt durch!«, rief ich ihm zu und tippte die Nummer in das Telefon. Kurz berichtete ich das Geschehen. Man bemühte sich um Schnelligkeit, sagte der Mitarbeiter. Und trotzdem schien jede Sekunde die Ewigkeit zu bedeuten, mit der seine Chancen zu schwinden begannen.

»Oh mein Gott, bitte lass alles gut werden.«, flüsterte ich mir selbst Mut zu, als ich ihm über die Wange streichelte.

Wieder hatte ich meinen Platz neben ihm auf dem Boden eingenommen. Um ihm Trost zu spenden, einfach da zu sein. Seine Haare wirkten wie goldene Fäden, die sich über meine Hose ergossen. Trotz des Blutes küsste ich seine zarten Lippen, bis mir auffiel, dass sich sein Brustkorb nicht mehr bewegte.

»Nicht doch!«, rief ich erstickt.

Mein Hals war trocken, ich schüttelte seine Schultern. Aber er bewegte sich nicht. Ich legte meine Hand auf sein Herz, auf die Wunde. Nichts schlug, was ihn noch am Leben halten könnte. Kein Puls, keine Atmung… Tot.

Als der Rettungswagen endlich eintraf war es zu spät. Die blauen Lichter verschwammen vor meinen Augen.

 

Hustend und spuckend tauchte ich aus der Wanne auf. Während des Schlafes war ich ein paar Zentimeter nach unten gerutscht. Fast ertrunken klammerte ich mich an den Rand. Im Radio sagte ein Sprecher gerade die Nachrichten an, was mich wenig interessierte.

 

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