Textproben zu "Ninas Symphonie" finde ihr hier:

 

 

(Seite 62-79) 

Nina

 

Irgendwann kamen wir endlich von solchen ernsten Themen ab und die Jungs erzählten mir peinliche Sachen, die sie auf Tour schon erlebt hatten. Zum Beispiel, wie sie einmal quer durch Hongkong gekutscht sind, ohne ihre Location fürs Konzert zu finden, das sich dann um eine halbe Stunde verschoben hatte.

„Dort sah einfach jede Ecke gleich bunt aus“, verteidigte sich Skip achselzuckend.

Oder dass nach einer Aftershowparty Sanders sturzbetrunken in ein Hotel gegangen ist, wo gar nicht reserviert gewesen war, während die anderen beim Tourbus angekommen waren und feststellten, dass Sandy natürlich den Schlüssel einstecken hatte. Drei Stunden später hatten sich Sanders und der Schlüssel dann eingefunden und alle fielen in den wohlverdienten Schlaf. Das klang irgendwie voll nach mir. Ich vertrage überhaupt keinen Alkohol. Und wenn ich zu viel intus hatte, vergaß ich sehr schnell, wer ich war und wo ich wohnte. Das war richtig schlimm. Deswegen lehnte ich lieber ab, als Jim mir nachgießen wollte. Oh, nein! Ich fühlte auch so schon ein leichtes Drehen im Kopf, und das würde sich nur verschlimmern, bis mein Gehirn total aufgeweicht war und die kleine Nina anfing, auf dem Tisch zu strippen und sich dabei den Kopf an der Decke einzuhauen.

Sanders erschreckte uns alle, als er aufsprang und zum Schrank an der Wand ging. In der Schublade befand sich eine beachtliche Sammlung an Kulis und Notizblöcken, um die sie jede Schreibwarenabteilung beneidet hätte. Ohne sich wieder hinzusetzten, blieb er am Schrank stehen und fing an zu schreiben, was mich sehr neugierig machte.

„Zurzeit fällt dir das Schreiben wieder leicht, was?“, fragte Skip laut. Doch Sandy hörte ihn gar nicht, sondern kritzelte wie verrückt auf dem Block rum.

So sah es also aus, wenn er die Idee für einen neuen Song hatte. Nur zu gern wäre ich aufgestanden und hätte ihm dabei über die Schulter geschaut, doch das kam mir unhöflich vor. Welcher Gedankengang hatte ihn dazu geführt? Was war das Hauptthema dieses Liedes? Und vor allem: Verarbeitete er mich und meine Stimme vielleicht schon mit darin? Ich würde mich sehr darüber freuen, beneidete ihn aber für seine Fähigkeit, alles und jeden um sich herum abzuschotten und sich nur noch auf das Blatt und seine Idee zu konzentrieren.

Mit meiner Geduld war es nicht so gut bestellt, ich ließ mich gern von Kleinigkeiten ablenken, auch in der Berufsschule. Am schlimmsten war es immer bei Prüfungen gewesen, wenn dann noch die Aufregung dazu kam. Gib mir eine Fliege, die zufällig durch den Raum schwirrt, und ich kann mich nicht mehr auf die fünfzig Prüfungsfragen vor mir konzentrieren, sondern habe nur noch diese kleinen Flügelchen und die Äuglein im Sinn und welche lustigen Geräusche die Fliege macht.

Hilfe, wie viele Prozente hatte dieses Ananaszeug? Noch immer fühlte es sich an, als würde sich ein großer Kreisel in meinem Kopf drehen. Die anderen nahm ich gar nicht mehr richtig wahr. Mir war schwindlig, deswegen legte ich den Kopf auf meine verschränkten Arme. Irgendwann würde es schon besser werden. Langsam schlossen sich meine Augen und ich fiel in einen tiefen Schacht.

Irgendwas Dunkles, das mich nicht freigeben wollte. Weiter unten, war da nicht ein Licht? Klar! Ich steuerte kontinuierlich darauf zu. Aus dem Lichtpunkt wurde ein kleines Quadrat, aus dem Viereck ein Monitor und dann stoppte mein Fall, ich schwebte vor einer großen Leinwand, die einen Film abspielte. Ich sah mich selbst mit Sanders auf der Bühne rocken, in Lederklamotten und mit einem richtigen Mikrofon in der Hand. Skip war noch am Bildrand zu sehen, wie er hinter seinem Keyboard saß und spielte. Die Kamera zoomte hinter uns, wo Jim mit dem Plektron auf seine E-Gitarre einschlug und mich beobachtete. Als ich mich zu ihm umdrehte, warf er mir einen Luftkuss zu. Was für ein schöner Film.

Ein Ziehen in meinem Bauch zeigte mir, dass mein Körper weiter in den Schacht gezogen wurde, wo das nächste Licht auf mich wartete. Wer hatte mich in dieses Loch geworfen? Ich konnte mich vage daran erinnern, dass meine Mutter mit wehendem Haar dort draußen stand und verschmitzt lächelte. Da dies ein Traum war, ergab das sogar einen Sinn.

Die nächste Leinwand zeigte einen anderen Film, wie erwartet. Das war eine Art Doku, bei der ein Haus vorgestellt wurde. Die Inneneinrichtung sah sehr modern und teuer aus, aber genau nach meinem Geschmack. Mein Haus in den USA, wurde mir klar. Oh, ja, das war wirklich toll! Die Kamera zeigte mir ein Bad mit Eckbadewanne und Marmorfußboden. Zwei Waschbecken waren da und im Zahnputzbecher standen zwei Zahnbürsten, was sehr vertraut und harmonisch aussah. Nach dem Film von der letzten Leinwand zu schließen, war eine davon meine, die andere gehörte Jim. In den Ecken des Badezimmers befanden sich Lampen, die nur ein schwaches Licht ausstrahlten. Hier würde ich gern mit ihm baden gehen.

Die Kamera drehte sich zitternd, eine Amateuraufnahme, und fuhr einen kurzen Flur entlang, auf dessen Boden ein schöner schwarz-roter Teppich ausgelegt war. An den Wänden waren diesmal Lampen, die wie Kerzen aussahen. Mein Traumhaus, aber so was von! Am Ende des Flures stand eine Zimmertür offen, auf die die Kamera zusteuerte. Ich sah flackerndes Licht, das wohl von richtigen Kerzen stammte. Im Raum angekommen, wurde mir klar, dass das ein riesiges Schlafzimmer sein musste. In der Ecke stand ein gigantischer Schrank aus schwarzem Ebenholz, der ein Vermögen gekostet haben musste. Er glitzerte merkwürdig silbern.

Der Bildschirm verschob sich in Richtung eines sehr schönen und großen Bettes mit vielen klobigen Kissen, auf dem sich Sanders in Unterwäsche befand. Warum nicht Jim, fragte ich mich vor dem Film schwebend in der Dunkelheit. Ich war mir doch sicher gewesen, dass die zweite Zahnbürste ihm gehörte? Wollte mir mein Unterbewusstsein einmal mehr vor Augen führen, was ich mir mehr als alles andere wünschte und dass meine Lüge von vorhin nicht gerade die perfekte Lösung gewesen war? – Ja, danke liebes Unterbewusstsein, das wusste ich selbst. Leider löste dieser Film hier eine grausame Faszination in mir aus, sodass ich nicht imstande war, wegzuschauen. Noch nie hatte ich Sanders nur so leicht bekleidet in einem meiner Träume gesehen, den Anblick musste man einfach genießen. Er lag auf dem Bett und hatte die Augen geschlossen, sein perfekter Körper wand sich hin und her und er schien auf etwas zu warten, das ich nicht erahnen konnte.

Als Sandy die Kamera sah, lachte er lautlos auf. Sein wundervolles Lächeln sah ich immerhin und er lockte mit dem Finger. Dann war er ganz nah zu sehen, sein Arm fasste nach etwas weiter hinten und die Hand der Person hinter der Kamera erschien. Sanders schien sie zu sich zu ziehen. Das Bild zitterte kurz, wurde wohl jetzt von einem Schrank festgehalten. Noch eine Person erschien auf dem Bett, alberte mit meinem Traummann rum. Sie war nur mit einem Bademantel bekleidet. Okay! Jetzt wurde ich eifersüchtig, obwohl ich doch gewusst habe, dass es so sein würde. Dann stockte ich. Erst hatte ich gedacht, dass es seine Ehefrau sein musste, aber im Spiegel hinter dem Bett sah ich mein eigenes Gesicht. Ich, wie ich Sanders küsste, während er mir durch das Haar streichelt. Wir sind glücklich. – Mein Schwebezustand war nicht mehr nur Teil des Traums, auch mein Herz flog hoch zu Wolke sieben. Zumindest, bevor ich weiter fiel. Was zeigten diese kurzen Abschnitte? Ich konnte es mir nur so vorstellen: Der erste zeigte mein reales zukünftiges Leben und der zweite das, was ich mir wünschte. Wohin würde mich mein Fall noch bringen? Wie lange würde es dauern, bis ich wieder aufwachte? Gerade wollte ich versuchen, mich selbst zu zwicken, obwohl sich meine Haut aufzulösen schien, wenn ich sie berühren wollte. Da tauchte ein drittes Licht unter mir auf und meine Neugier siegte. Die Leinwand kam schneller näher als die beiden anderen, wie ich registrierte, als könnte sie es nicht erwarten zu mir zu kommen. Es war einfach, mir vorzustellen, dass das lebendige Wesen waren und dieses da sich nach mir sehnte. Wie beim Tauchen versuchte ich, mich schneller nach unten zu bewegen, immer dem Licht entgegen, und es half. Binnen Sekunden war der Film vor mir. Doch was ich sah, war weder schön noch interessant, sondern einfach nur schrecklich. Ich sah mich auf dem Tisch im Tourbus liegen. Jim hielt ein kleines Tütchen in der Hand, in der ein weißes Pulver steckte. Alle um mich herum lachten lautlos und sie schlugen sich gegenseitig in die geöffneten Hände. Mir war klar, dass das bedeutete, sie hatten mir Drogen in den Drink gemischt. Jim, der mir in kurzer Zeit schon so vertraut geworden war, hob mich hoch und mein schlaffer Körper wurde weiter nach hinten im Bus auf die große Couch gelegt, wo die Jungs vorhin Wrestling gespielt hatten. Moment, was sollte das werden? Rush setzte sich zu mir, strich über meine Wangen, als wäre ich ein kleines Kind. Nein! Es fiel mir schwer, die Augen abzuwenden, doch als mir klar würde, was mir in diesem Film passieren sollte, gelang es mir. Rushs Hand war gerade zu seinem Gürtel gewandert. Nein! Lieber weiter in der Dunkelheit bleiben, schweben und nie den Boden erreichen, als so was zu glauben und mit anschauen zu müssen. Jetzt sah ich nur noch Blitze über meine Augenlider huschen, Lichter und Schatten, die sich immer von rechts nach links bewegten.

Komisch! Wieder war es meine Neugier, die über die Vernunft siegte. Als ich ein Auge öffnete, sah ich die drei Leinwände um mich herkreiseln, gleichzeitig fiel ich weiter. Immer schneller. Meine Zukunft, mein Wunschdenken und die Gegenwart. Alles hier vereint in der Dunkelheit eines ewig andauernden Albtraums. Ich wollte schreien, doch kein Laut drang durch die Stille der Einsamkeit. Und dann ... wachte ich auf.

„Hast du gut geschlafen?“, fragte Jim.

Panik stieg in mir auf, als ich bemerkte, dass wir auf dem Sofa saßen. Dieser verdammte Traum, warum konnte er mich nicht in Ruhe lassen? Wie viel davon war wahr? Aber ich fühlte mich nicht misshandelt, gar nicht. Es war alles normal, bis auf eine leichte Müdigkeit. Mein Kopf lag auf Jims Schulter, ich konnte ihn nicht bewegen. Entfernt spürte ich, wie eine Träne aus meinem Augenlid trat und im Stoff seines Pullovers versank. Endlich zurück in der Wirklichkeit. Es tat so gut, mich hier wiederzufinden und Jim lächeln zu sehen, dass ich ihm am liebsten um den Hals gefallen wäre. Der Alkohol hatte mich ausgeknockt und nicht etwa heimlich untergejubelte Drogen. Alles war in Ordnung und ich konnte wieder genießen, mit meinen Jungs im Tourbus zu sein, wenn da nicht der Drang nach Schlaf gewesen wäre.

„Ja, wunderbar. Deine Schulter war nicht ganz so hart wie der Tisch.“

Ich streckte mich ausgiebig und gab meinem Kissen ein Zeichen, dass er mich wieder zu den anderen tragen sollte, was er auch gern tat. Seine Hände fühlten sich auf meinem Rücken wunderbar warm an. Er versuchte, ganz vorsichtig mit mir umzuspringen. Als er loslief, drehte es mir wieder im Kopf, weil ich immer noch angetrunken oder ganz betrunken war, aber das ging schon. Mir war nicht schlecht oder so. Verwirrt sah ich mich um, da waren nur noch zwei Jungs am Tisch. Jim setzte mich auf meinem Stuhl ab.

„Wo sind Sanders und Lennox?“, fragte ich.

„Sandy schläft und Len telefoniert seit einer Stunde“, erklärte mir Rush grinsend.

„Wir haben dir den neuen Songtext liegen gelassen, falls du ihn lesen möchtest“, sagte Skip.

„Klar, aber nicht jetzt! Bin zu müde“, murmelte ich.

„Kein Wunder, es ist ja auch zwei Uhr nachts.“

„Oh, man, ich muss rüber, sonst wird meine Mutter sauer! Morgen ist Schule.“ Und es konnte auch passieren, dass ich gleich im Laufen einschlafen würde. Schnell stand ich auf und torkelte leicht. Dieser blöde Alkohol.

„Vielleicht sollte ich dich rüberbringen“, bot sich Jim an, was ich dankbar nutzte. Er half mir, in meine Jacke zu kommen, ohne mir alles auszurenken. Warum musste ich gerade jetzt an ein Candle-Light-Dinner denken, nach dem er mir in meine leichte Stoffjacke half und wir dann Arm in Arm nach Hause gingen? Das musste mein Promillepegel ausgelöst haben. Es wurde Zeit, dass ich meinen Rausch ausschlafen konnte. Romantische Gedanken waren jetzt nichts für mich. Wir traten aus dem Tourbus.

Ach, wie lustig die Schneeflocken aussahen, die um mich und meinen Begleiter herumflogen. Ich konnte richtig sehen, dass manche davon hellweiß waren und sogar ein paar durchsichtig.

„Durchsichtige Schneeflocken“, lachte ich laut auf Deutsch.

„Genau“, antwortete Jim in seiner Muttersprache, Englisch, und nahm mich fest an die Hand.

Oh, schön warm, viel wärmer als der Winter überall hier! Seine Finger waren viel größer und breiter als meine und auch ein wenig rauer, aber er war nun mal ein Mann. Oder? Ich war mir nicht mehr sicher, die Situation erinnerte mich an lang vergangene Abende mit Freundinnen, an denen wir hinterher bei mir geschlafen hatten. Es kam oft vor, dass ich mit Freunden Händchen halten wollte. Jim konnte genauso gut Anna sein oder ein anderer Kumpel. Wer auch immer, es war mir egal. Nur noch drei Meter bis zu meiner Haustür. Ich drückte die Hand leicht, die in meiner lag, und zog die daran hängende Person zu mir. Wir umarmten uns lange und ich gab Jim einen leichten Kuss auf den Mund.

„Gute Nacht und danke fürs Heimbringen“, sagte ich immer noch auf Deutsch.

„Keine Ahnung, was du sagst, aber der Kuss war nett“, gab Jim zurück und grinste mitreißend.

Ich kramte den Schlüssel aus meiner Tasche und ließ meinen Begleiter noch kurz aufschließen. So schnell, wie sich das Schloss bewegte, würde ich es sowieso nicht treffen ...

Gut, endlich drin! Ich drehte mich um und winkte Jim zu, auch wenn ich sofort wieder vergaß, wer das war. Dann fiel die Tür hinter mir zu. Ab hier war ich also auf mich allein gestellt. Ich schaffte die Treppen, ohne wieder runterzufallen, mir irgendwas anzuschlagen oder einzuschlafen. Die Wohnungstür öffnete sich von selbst, ich erkannte meine Mutter. Sie trug ihren Hausanzug, was bedeutete, dass sie schon eine Weile da und kurz vorm Schlafengehen war. Es schien sie nicht zu wundern, dass ich angetrunken und viel zu spät dran war. Ihre grünen Augen blitzten schelmisch. Warum?

„Na, hattest du einen schönen Abend?“, begrüßte sie mich.

„Weiß nicht mehr“, antwortete ich schwerfällig und wahrheitsgemäß.

„Ja, das sieht man dir an. Du solltest schlafen gehen“, schlug sie vor.

Was sollte das denn heißen? Meine Haare standen bestimmt nicht so vom Kopf ab wie ihre und meine Augenringe waren auch nicht so schlimm. Naja, ich hatte seit heute Morgen nicht mehr in den Spiegel geschaut, was vielleicht auch besser war. Ich nickte ergeben.

„Nacht, Mom!“, lallte ich und stieß die Tür meines Zimmers auf, nicht ohne gleichzeitig Charlie mit einem Fuß sanft daran zu hindern, mit mir zu kommen.

Mein Kater hatte in meinem Zimmer Eintrittsverbot, weil zu viele Sachen herumlagen, die mir sehr wichtig waren und die er weder wegschleppen noch kaputtbeißen sollte. Das Licht in meinem Zimmer stellte ich gar nicht erst wieder an, auch im Schein meines Digitalweckers fand ich mein Bett ganz gut. Da meine Mutter meine Schultasche endlich hier abgestellt hatte, fiel ich auf meinem Weg beinahe drüber. Super, wirklich! In meinen Ohren rauschte es immer noch oder schon wieder, als ich mich aufs Bett fallen ließ. So müde und trunken vor Glück und Restalkohol. Ich versuchte wirklich, mich noch umzuziehen, aber es ging einfach nicht. Mein Körper wollte mir nicht mehr gehorchen, ganz und gar nicht. Das Zimmer versank in Schwarz, um plötzlich wieder in Weiß zu erstrahlen, sodass ich nichts sehen konnte.

 

Die Bewegungslosigkeit hielt an, ich musste tief einatmen vor Schreck. Was war los? Eine dichte, fast greifbare Angst herrschte um mich herum, irgendwas wollte mich holen. Ein Hai im Meer, der an meinen Sachen zog. Eine verdrängte Erinnerung, die sich einen Weg an die Oberfläche suchte. Ich durfte ihr nicht nachgeben, was mir sehr schwerfiel und tief in meiner Brust Schmerz verursachte.

Ich fühlte mich wie ein Mensch, der versuchte, unter Wasser zu atmen und sich dafür Kiemen in den Hals schlitzte. Stimmen, leise eindringliche Stimmen über mir. Meine Mutter, die mich zur Schule schicken wollte? Hatte ich vergessen, meinen Wecker einzuschalten? Aber ich konnte nicht aufstehen, mein Körper war bewegungsunfähig. Ich wollte sie wegschicken – einmal, weil es mir unangenehm war, wie ich hier lag, und außerdem war es trotz der Helligkeit viel zu früh, sonst wäre ich doch nicht so unendlich müde. Was? Willst du mir etwas mitteilen? Die Stimme schrie leise in meinem Kopf. Ich konnte sie kaum verstehen, geschweige denn erkennen.

„Komm zu mir!“, hörte ich. Oder ahnte ich die Worte nur? Eine kurze Erkenntnis durchzuckte mein Gehirn, doch ich ließ sie nicht zu mir durchdringen. Nein, es war wichtig, unter der Oberfläche zu bleiben. Für immer! Ich hatte große Lust, meine Augen zu öffnen, doch die Augenlider zuckten nur. Die Anstrengung war zu groß.

„Genau so“, sagte die Stimme.

Aber ich wusste nicht, was sie damit meinte. Es war mir auch egal. Das Zucken meines Lids zeigte mir, dass ich meinen Körper nicht ganz verloren hatte. Das ließ mich langsam zurücksinken in die Stille und damit auch in die Dunkelheit. Endlich! Mein letzter Gedanke war, dass ich etwas vergessen haben musste, etwas Wichtiges. Nur, dass mir nicht mehr einfiel, was genau.

 


Jim

 

Heute war der erste Tag vom Ende meines Lebens. Ich saß auf einem Stuhl mitten in einem hässlich grell-weißen Raum und musste mit ansehen, wie meine eigene Freundin regungslos auf dem Bett lag. Es hatte meiner Meinung nach keine deutlichen Anzeichen gegeben, dass ihr so etwas passieren würde, zumindest hatte sie mir nichts davon gesagt. Oder wir hatten es nur beide nicht begriffen.

Nina so hilflos zu sehen, wo sie vor ein paar Stunden noch mit mir gelacht hatte, machte mich fast wahnsinnig. Ich wollte sie an den Schultern packen und schütteln, damit sie die Augen öffnete und alles wieder in Ordnung war. So wie gestern und die Tage und Wochen davor, in denen wir glücklich gewesen waren, in denen ich glücklich gewesen war.

Im Raum war es stumm, obwohl Ninas Mutter Julia auf der anderen Seite des Raumes wie ich darauf wartete, dass irgendetwas geschah. Zu gern hätte ich ihr beigestanden und sie getröstet, doch ich konnte kein Deutsch und sie sprach kein Wort Englisch. Auch die Ärzte hier im Krankenhaus hatten mir nicht genau erklären können, was mit meiner Freundin passiert war und noch passieren würde. Nur das Wort Tumor hallte mir im Kopf nach, ich hatte es im Internet kontrolliert und wusste, dass es in unseren beiden Sprachen die gleiche Bedeutung hatte.

Noch standen die Chancen gut, dass Nina operiert werden konnte und wir unser altes Leben einfach weiterleben würden. So lange war die Krankheit sicher noch nicht in ihrem Kopf gewachsen, oder? Mein Gott! Julia bewegte sich auf ihrem Stuhl. Der machte ein knarrendes Geräusch. Ihr leises Schluchzen erfüllte den Raum und meine Ohren. Wie konnte ich ihr bloß helfen? Ich nahm mir fest vor, für den nächsten Tag einen Dolmetscher zu organisieren.

In der Ecke stand ein Gerät, das Ninas Gehirnströme aufzeichnete. Soweit ich das beurteilen konnte, würde uns ein schnelleres piependes Geräusch mitteilen, wann sie wach war und uns hören konnte, weil ihr Gehirn dann stärker reagierte. Doch bisher war nichts passiert, der Zeiger bewegte sich in regelmäßigen Abständen rauf und runter und das Piepen war monoton.

Warten regte mich auf, das war schon immer so. Was sollte ich sonst tun? Würde sie vielleicht auf meine Stimme reagieren? Ich könnte ihr etwas ins Ohr flüstern, einen Witz reißen, den sie lustig finden würde. Mir fiel aber einfach keiner ein, jegliches Glücksgefühl war der Angst gewichen. Auch wenn ich mir nichts davon anmerken ließ, mein Herz schlug so laut, dass ich sicher war, Ninas Mutter würde es hören können. Vielleicht konnten wir uns über Herztöne verständigen, wenn es sonst nur mit Händen und Füßen ging.

Die Stille war nicht auszuhalten. Langsam, um niemanden zu erschrecken, stand ich auf und ging aus dem Raum. Ich zog mein Handy aus der Jeanstasche, auch wenn es mir verboten war, es einzuschalten. Mir war alles egal. Vier Anrufe in Abwesenheit, dreimal Sandy und einmal Skip. Sie wollten wissen, was los war, logischerweise, es ging ja auch um die Zukunft der Band. Wir hätten heute wieder in Miami eintreffen sollen, aber das Taxi hatte wohl umsonst gewartet. Und zu Hause waren wir auch nicht zu erreichen. Irgendwann würde ich zurückrufen, nicht jetzt und hier, erstmal musste ich selbst mit der Situation klarkommen. Immerhin hatte ich vorher nie so etwas erlebt, war nie zuvor im Krankenhaus gewesen, außer bei meiner Geburt, und ich hatte auch noch nie jemanden aus meiner Familie verloren.

Die meiste Zeit war ich sehr glücklich in meinem Leben gewesen, nur in der Liebe hatte irgendwas nicht hingehauen, was sich dann aber mit Nina geändert hatte. Meine Schritte wandten sich zur Cafeteria, die irgendwo weiter hinten im Gang lag. Aus den anderen Zimmern konnte ich Gesprächsfetzen vernehmen, alle in einer mir unbekannten Sprache, aus dem Fernsehen oder unter Familien und Bekannten.

Krankenhäuser strahlten von Natur aus eine Weltuntergangsstimmung aus, zumindest für mich. Die Ärzte traten routinemäßig mit versteinerter Miene ihre Streifzüge durch die Gänge an oder durften nach einer gelungenen OP keine positiven Emotionen zeigen, weil zu viele todkranke Leute in den Zimmern darauf warteten zu sterben oder eine zweite Chance zu bekommen.

Patienten schoben mit wehleidigem Gesicht langsam ihre Katheter durch die Gegend, um aus irgendeinem Fenster zu starren oder auf andere neidisch zu sein, die viermal am Tag besucht worden. Das Essen in der Cafeteria war stets frisch zubereitet, aber wenn man es nötig hatte, hier zu Mittag zu essen, dann aus Gründen, bei denen einem der Hunger verging. Auch bei diesem Personal fiel mir die routinemäßige Ignoranz auf, die mir entgegengebracht wurde, als ich etwas bestellte, indem ich einfach mit meinem Finger drauf zeigte. Zum Glück waren noch einige andere Begriffe in unseren beiden Sprachen fast gleich, also würde Julia mich sogar verstehen.

Die ältere Frau an der Kasse rechnete mit lauter, gespielt freundlicher Stimme mit mir ab, wobei ich ihr einfach einen Fünfeuroschein hinwarf, den ich in meiner Geldbörse fand. Es war einer der Scheine, die Nina mir geschenkt hatte, weil mich ausländische Geldstücke interessierten. Ich hätte ihr den Betrag in Dollar zurückgezahlt, wenn sie nicht vehement dagegen gewesen wäre. Wie hätte ich mich gegen einen bitterbösen Blick von ihr wehren können?

Es war mir nicht möglich zu verstehen, was hier mit uns passierte, doch das schlechte Gewissen nagte an mir. Warum hatte ich es mit meiner Eifersucht auf Sanders so weit getrieben? Was, wenn ich mich nicht mehr dafür bei ihr entschuldigen konnte? Wenn sie nie wieder aufwachen würde? Unvorstellbar und doch zum Greifen nahe, das Leben war ungerecht.

Vorsichtig ging ich den Gang zurück, vorbei an zwei am Fenster stehenden Patienten, die sich nichts zu sagen hatten, obwohl sie dasselbe Schicksal getroffen hatte. So gut wie alle Fenster im Krankenhaus waren geöffnet. Wir befanden uns nicht auf der Wetterseite, sodass eine angenehme Brise meine Sachen flattern ließ und zwei Haarsträhnen vor meinen Augen tanzten. Ich bemitleidete die Personen, die jetzt, mitten im Sommer, auf der anderen Seite des Gebäudes vor sich hinschwitzen mussten.

Nur noch eine sich automatisch öffnende Tür mit Bewegungsmelder lag zwischen mir und Ninas Zimmer. Und als sie aufschwang, hörte ich Julias Stimme laut rufen. War etwas passiert? Ich merkte gar nicht, dass mir der Kaffee, den ich ihr gekauft hatte, brühend heiß über die Finger lief. Mit meiner freien Hand riss ich die Zimmertür auf, die laut gegen die Wand schlug. Alles war egal, auch dass ich die Kaffeetasse zu schnell auf dem Holztisch abstellte und sie umfiel. Ein braunes Meer ergoss sich über die Fläche und tropfte auf den Fußboden.

Das Gehirnstrommessgerät in der Ecke piepte schnell, anhaltend und nervtötend, der Zeiger raste auf und ab. Ich stürzte auf das Bett zu und griff nach der Hand, die nicht von Ninas Mutter eingenommen wurde, aber es war zu spät. Meine Freundin war schon wieder weg, im Koma. Das Piepen wurde langsamer und gelangte dann wieder zur wohlbekannten Monotonie.

„Ihr Augenlid hat gezuckt“, sagte Julia.

Ich verstand sie nicht, sah jedoch, wie ihr die Tränen in Bächen über die Wangen liefen. Verdammt! War das nun Trauer oder Freude? Oder beides? Was auch immer ihre Gefühle gerade zeigten, es brachte sie dazu, um das Bett herum zu mir zu kommen und mich fest zu umarmen.